Pieter Waterdrinker: Die Hochzeit von Zandvoort

Den klangvollen Namen Pieter Waterdrinker habe ich erst kürzlich
wahrgenommen. Dass ich ihn nicht wieder vergessen werde, liegt am Roman "Die
Hochzeit von Zandvoort", den ich soeben gelesen habe und der mich auf eine
Weise begeistert hat, dass ich am liebsten schweigen würde. Schweigen und
auf eine gewisse Art Schauen, das möchte ich eigentlich bei diesem Buch.
Doch mit Schweigen lässt sich keine Lektüre empfehlen, es sei denn, ein
Freund, dem man vertraut, schweigt dergestalt.
Was für ein unglaubliches Buch! "Die Hochzeit von Zandvoort" spielt in den
späten Fünfzigern, einer Zeit also, als das Verhältnis zwischen
Niederländern und Deutschen wegen des noch nicht lange zurückliegenden
"Dritten Reichs" äußerst gespannt war. Kein anderes Land als die Niederlande
hatte, bezogen auf seine Einwohnerzahl, prozentual so viele Opfer des
Nationalsozialismus zu beklagen; andererseits gab es in keinem anderen Land
auch so viele Kollaborateure und Gewinnler. Diese Stimmung wird von Pieter
Waterdrinker in einer Weise wiedergegeben, die ich bislang in keinem
niederländischen und keinem deutschen Roman gefunden habe: Schlichtweg
Brillant!
In einer Rezension des Bayerischen Rundfunks hörte ich, es handele sich um
einen modernen Schelmenroman über das Verlangen nach Glück. Nein, dem kann
ich nicht zustimmen, geschelmt wird in diesem gut 400 Seiten starken Buch
wirklich nicht. Dennoch, die Lektüre wird zu einem überaus komischen
Vergnügen; bissig ist das alles,  ungeheuer bissig. Aber auch so ergreifend,
dass ich manchmal gegen die Tränen kämpfen musste. Schwer zu ertragen, doch
beglückend! 
So genannte Kommunisten und veritable NSBler kommen durchaus vor, sie sind
aber Randfiguren. Die Hauptpersonen, alle Mitglieder der Hoteliersfamlie
Bagman auf holländischer Seite sowie die drei Benders aus Köln, sind im
Grunde Leute wie du und ich - alle suchen das kleine Glück, kämpfen dabei
gegen unbegründbare Vorurteile an und erliegen ihnen dennoch größtenteils.

Zandvoort, ein holländischer Badeort, 1958. 
Die Heirat der deutschen Wurstfabrikantentochter Lisa Bender mit Ludo Bagman
soll das Ereignis des Jahres werden, wird es aber nicht. Die Braut hat ihre
Schwangerschaft nur vorgetäuscht, der Bräutigam hat sich beim Fremdgehen die
Syphilis eingefangen.
Als die Lokalzeitung berichtet, dass sich Vater Bagman im Krieg an jüdischem
Vermögen bereichert habe (was nicht stimmt, wie allerdings nur die Leser,
nicht aber die Zandvoorter Zeitgenossen erfahren), schlägt den Bagmans der
Hass der Einheimischen entgegen: Keiner  will die eigens aus Köln angereiste
Blaskapelle beherbergen. Und dann nehmen die Geschehnisse ihren komischen
und traurigen Lauf .
Am Schluss erklingt statt des Hochzeitsmarschs Trauermusik.
 
Selten ist es mir so ergangen, als hätte ich das soeben Gelesene gleichsam
als Film erlebt, doch hier war es so. Pieter Waterdrinker ist ein
sprachvirtuoser Formulierer, ein kluger Erzähler, und dass in der deutschen
Ausgabe seines Romans ärgerlich viele Druckfehler vorkommen, ist wahrlich
nicht ihm anzulasten. Sehen Sie darüber bitte hinweg, lassen Sie sich auf
eine ergreifende, eine spannende Lektüre ein und reden Sie mit Freunden
darüber!
Solch ein Buch gibt es nicht oft. Es ist wirklich ein Glücksfall! "Die
Hochzeit von Zandvoort" sollte irgendwann Klassenlektüre für Abiturienten
werden, mindestens europaweit. Sexszenen hin, Sexszenen her. Die gehören
halt dazu. Die können auch Jugendliche vertragen, da bin ich ganz sicher. 
Es gibt Wichtigeres als Harry Potter! 

Christian Oelemann